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Die hatten uns die Pflaster auf die blutenden Knie geklebt und die verbrannten Finger unters kalte Wasser gehalten und dreimal gepustet. Ich war doch nur ein Kind und alles, was ich tun konnte, war Daniel fest zu halten.

Und ich hielt ihn so lange fest, bis sein Weinen aufhörte.

Da ließ ich los und wir guckten beide in den Himmel.

Glaubst du, dass da oben Gott wohnt?, fragte Daniel.

Ich weiß nicht. Und du?

Ich hab gebetet, aber es hilft nicht. Mama wird nicht gesund!

Vielleicht hast du nicht gut genug gebetet! Besser beten kann ich nicht!

Ich wusste, dass Daniel Recht hatte. Ich hatte ja auch gebetet, als mein Vater weggehen wollte. Lieber Gott, hatte ich gebetet.Lieber Gott, mach, dass Papa bei uns bleibt!Jeden Abend, immer wieder.Lieber Gott, mach, dass Papa bei uns bleibt! Aber mein Vater war trotzdem gegangen.

Vielleicht war die Sache mit Gott nur eine Geschichte, die sie uns erzählt hatten, so eine Geschichte wie die vom Osterhasen oder vom Nikolaus. Eine Geschichte, die man so lange glaubt, bis man merkt, dass der Nikolaus Onkel
Huberts Stiefel trägt; die man so lange glaubt, bis man am Ostermorgen aus dem Fenster guckt und sicht, dass Mama die Schokoladeneier versteckt.

Vielleicht war da oben nichts außer Kälte und Unendlichkeit und vielleicht gab es hier unten wirklich nur uns und die Libellen und die Enten und die Eulen und die Fledermäuse.

Ich glaub nicht mehr an Gotte, sagte Daniel.Ich glaub nur an den Hecht. An den Hechtgott. Und dass ich es schaffen werde, ihn zu fangen.Ich ganz allein. Und wenn ich das geschafft hab, dann wird Mama wieder gesund!

Ich sagte nichts. Ich konnte gar nichts sagen, denn der Gedanke, dass es keinen Gott gibt, machte mich stumm und einsam. Und dass Daniel genauso dachte, war noch viel schlimmer als mein eigener Zweifel. Aber vielleicht hatte er Recht, vielleicht gab es ja nur den Hechtgott.

Wir lagen mit offenen Augen nebeneinander und horchten in die Dunkelheit. Nach einer Ewigkeit hörten wir das leise Platschen der Ruder. Peter sagte etwas, das wir nicht verstehen konnten, und meine Mutter lachte und ich war selten so froh gewesen, ihr Lachen zu hören.

Ich geh dann mal wieder rüber, sagte Daniel und stand auf.Sonst denken die noch, wir hätten uns geküsst!

Du bist ein alter Spinner kicherte ich.

Und du 'ne alte Eule. Und wehe, du sagst, dass ich geheult hab!

Niemandem und nie!

Geschworen?

Geschworen!

Ich stellte mich schlafend, als meine Mutter sich über mich beugte. Sie zog die Bettdecke glatt und gab mir einen Kuss auf die Stirn, und als ich blinzelte, sah ich, dass sie bei Daniel und Lukas dasselbe machte.

Wir fuhren zusammen zum Angelgeschäft. Daniel, Lukas und ich. Meine Mutter saß am Steuer. Sie suchte einen Parkplatz und schwitzte und rauchte und schimpfte laut vor sich hin.

Das sind doch Vollidioten!, schimpfte sie.Die haben doch den Führerschein im Preisaus schreiben gewonnen! Jetzt guckt euch die an! Was macht die denn?

Meine Mutter schlug sich mit der Hand vor die Stirn.

Ich hab's ja immer gewusst: Frauen sollte man nicht ans Steuer lassen!

Daniel und Lukas grinsten.

Du bist doch selbst'ne Frau!, sagte ich. Stimmt, aber ich kann Auto fahren!

Sie drehte blitzschnell das Lenkrad und setzte mit quietschenden Reifen rückwärts in eine Parklücke. Der Mann im Auto hinter uns machte eine Vollbremsung und zeigte uns den Vogel.

Ich schämte mich, aber Daniel pfiff anerkennend durch die Lücke zwischen seinen Schnei dezähnen.

Sauber!, sagte er.Außer Papa kriegt das keiner hin!

Meine Mutter lachte laut.

Ich fand es peinlich, mit ihr Auto zu fahren. Immer schimpfte sie so. Immer waren die andern die Idioten.

Ich konnte mich noch gut an früher erinnern, an die Fahrten in die Ferien.

Da hatte mein Vater mit zusammengekniffenen Lippen neben ihr gesessen und im Auto war Eisschweigen gewesen.

Ich bin eben keine Beifahrerin!, hatte meine Mutter behauptet.Und jetzt lass mich endlich fahren!

Und sie hatte ihm so lange reingeredet, bis mein Vater angehalten und wütend die Autotür zugeknallt hatte.